Drei Stacks, drei Logiken — handelsregister.de, Northdata und die Aggregatoren
Wer in der DACH-Region zu Gesellschaften recherchiert, arbeitet mit drei sehr unterschiedlichen Werkzeugen. Quellen-Echtheit, Verkettungs-Tiefe und Datenschutz-Konflikte bilden das eigentliche Auswahlraster.
Die Frage “Welches Recherche-Werkzeug ist das richtige?” lässt sich für Wirtschaftsrecherche im deutschsprachigen Raum nicht universell beantworten. Sie zerfällt in drei Teilfragen: Brauche ich beweispflichtige Quellen-Echtheit, brauche ich verkettete Netzwerke oder brauche ich breite Markt-Abdeckung mit Anreicherung? Auf jede Frage antwortet ein anderer Werkzeug-Stack.
handelsregister.de — Quellen-Echt, einzelfall-zentriert, kostenfrei
Das amtliche Portal ist seit der DiRUG-Reform vom 1. August 2022 für die reine Einsichtnahme gebührenfrei. § 9 HGB normiert das Einsichtsrecht ausdrücklich als offenstehend für jedermann ohne Nachweis eines berechtigten Interesses. Praktisch heißt das: Wer einen aktuellen Auszug, eine chronologische Aufstellung der Eintragungen oder die zum Register eingereichten Dokumente — Gesellschafterliste, Satzung, Liste der Vertretungsbefugten — abrufen will, zahlt nichts mehr.
Die Stärken sind die Quellen-Echtheit und die Beweis-Tauglichkeit. Ein Auszug aus handelsregister.de ist im Zivilprozess Urkunde im Sinn der ZPO. Wer eine Vertretungsmacht nachweisen muss, braucht den amtlichen Auszug — kein Aggregator-Screenshot ersetzt ihn.
Die Schwächen liegen im Workflow. Die Suche ist einzelfall-zentriert. Massenabfrage gibt es nicht, eine dokumentierte REST-Schnittstelle gibt es nicht, eine Verkettungs-Recherche über Gesellschafter-Identität hinweg gibt es nicht. Wer wissen will, in welchen weiteren Gesellschaften eine bestimmte natürliche Person beteiligt ist, kommt mit handelsregister.de nicht weit.
Northdata — Verkettung, Bilanz-OCR, Visualisierung
Die Hamburger Northdata GmbH hat ihre Marktposition gerade auf jener Lücke aufgebaut. Northdata bezieht die Bundesanzeiger-Veröffentlichungen und die Handelsregister-Bekanntmachungen, verkettet sie über normalisierte Personen- und Adress-Schlüssel und liefert das Ergebnis als durchsuchbare Netzwerk-Sicht. Wer eine Person eingibt, bekommt eine Liste aller Mandate und Gesellschafter-Stellungen, eine Zeitachse der Veränderungen und eine grafische Verknüpfung zu verbundenen Gesellschaften.
Die Bilanz-OCR ist die zweite Kernleistung. Northdata extrahiert aus den im Bundesanzeiger hinterlegten PDF-Abschlüssen die Bilanz- und GuV-Werte und stellt sie in einer einheitlichen Tabellen-Sicht dar — über mehrere Geschäftsjahre, mit Trend-Linien. Für die Analyse mittelständischer Gesellschaften, deren Bilanzen sonst Datei für Datei gelesen werden müssten, ist das ein erheblicher Zeitgewinn.
Northdata ist kommerziell. Die Basis-Abfrage ist frei, die strukturierte Datenextraktion und die Bulk-Abfrage sind kostenpflichtig. Wichtig für die Beweisführung: Northdata-Aufbereitungen sind nicht amtlich. Wer im Prozess eine Bilanzaussage belegen will, lädt den Original-PDF-Abschluss aus dem Bundesanzeiger nach.
Companyhouse, openCorporates, Implisense — die Markt-Erweiterungen
Drei weitere Anbieter bilden den breiten Markt. Companyhouse aus Berlin positioniert sich als Komplett-Auskunft für den Mittelstand, mit Bonitäts-Score-Anreicherung über Partnerschaften mit den klassischen Auskunfteien — Creditreform, Schufa B2B, Dun & Bradstreet, vormals Bisnode. Der Score ergänzt die Register-Sicht um eine Risiko-Dimension, die das Handelsregister selbst nicht liefert.
openCorporates aus London ist der internationale Open-Data-Aggregator. Die Plattform verkettet Register-Daten aus über hundertvierzig Jurisdiktionen unter einem einheitlichen Schema. Für grenzüberschreitende Recherche zu Konzernstrukturen, Briefkasten-Adressen oder Schwesterngesellschaften in anderen EU-Mitgliedstaaten ist das oft die einzige praktikable erste Anlaufstelle — zumal das BRIS-Portal der EU bis heute keine komfortable Quer-Suche bietet.
Implisense aus Berlin bedient den B2B-Vertriebs-Anwendungsfall: Firmen-Suche nach Branchen-Mustern, Tech-Stacks, Förderbescheiden, Pressemeldungen. Die Bilanz- und Register-Daten werden ergänzt durch Signale, die nicht aus dem Handelsregister stammen — eine Sicht, die für Marktforschung und Lead-Generierung gedacht ist, für die juristische Wirtschaftsrecherche nur ergänzend.
Daneben spielt Crefosprint als Echtzeit-Variante der Creditreform-Auskunft eine Rolle, wenn es um schnelle Bonitätsentscheidungen geht — der klassische Wirtschaftsauskunft-Markt mit Creditreform seit 1879, Schufa B2B und Dun & Bradstreet als den drei dominierenden Adressen.
Der Manni-Konflikt — DSGVO trifft Pflicht-Publizität
Hinter jedem dieser Stacks steht ein ungelöster Rechts-Konflikt. Das Handelsregister ist Pflicht-Publizität nach §§ 1 ff. HGB; persönliche Daten der eingetragenen Geschäftsführer und Gesellschafter — Name, Geburtsdatum, Wohnort — sind öffentlich. Das kollidiert mit dem Recht auf Vergessen aus Art. 17 DSGVO.
Der EuGH hat den Konflikt im Urteil Manni gegen Camera di Commercio di Lecce vom 9. März 2017 — Rechtssache C-398/15 — entschieden: Ein einmal amtlich publizierter Registereintrag bleibt grundsätzlich öffentlich, auch wenn die betroffene Gesellschaft längst gelöscht ist und der frühere Geschäftsführer wirtschaftliche Nachteile aus der fortbestehenden Auffindbarkeit erleidet. Eine Löschung kommt nur in eng begrenzten Einzelfällen nach langer Zeit und auf besondere Begründung in Betracht. Damit ist die Rechtslage zugunsten der Publizität geklärt — die Aggregatoren, die diese Daten weiterverwenden, bewegen sich auf abgesicherter Grundlage, solange sie die Originalquelle korrekt zitieren und Aktualisierungen zeitnah übernehmen.
Für die Recherche-Praxis bedeutet das: Der Auszug aus dem Register, die Verkettung aus Northdata, die Bonitäts-Sicht aus dem Companyhouse-Bündel und der internationale Abgleich über openCorporates ergänzen sich, ersetzen sich aber nicht. Wer den Auswahl-Stack einmal sauber definiert hat, arbeitet erheblich schneller als der, der für jeden Fall neu entscheidet.